Karate gehörte im Japan der 1930er Jahre bereits zu den allgemein bekannteren Kampfkünsten. Dieser Umstand spiegelte sich damals unter anderem in vermehrt veröffentlichen Zeitungsartikeln wider, die Karate thematisierten. Hier möchte ich einen kurzen und zugleich erhellenden Pressebeitrag vom Ende des ersten Jahres des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs (1937–1945) vorstellen.
Er erschien am 12. Juni 1938 (Shōwa 13) auf einer für Kinder gedachten Seite der „Morgensonnenzeitung Tōkyō“ (Tōkyō Asahi Shinbun 東京朝日新聞). Mit höflichem Ausdruck und eher leicht verständlichem Japanisch wird darin insbesondere der männlichen Jugend Karate vorgestellt und ihr nahegelegt, es angesichts des japanischen Kriegstreibens zu erlernen.
Zur Veranschaulichung werden den Lesern darin drei Körperwaffen des Karate mittels eines Vergleichs nähergebracht. Der nicht genannte Autor des Texts verweist auf die drei mit der Hand zu bildenden Figuren „Stein“ (Faust), „Papier“ (flache Hand) und „Schere“ (zwei ausgestreckte, gespreizte Finger) des ursprünglich wohl aus Japan stammenden Spiels Jan-Ken ジャン拳. Durchweg wird der Name der Kampfkunst in diesem Beitrag mit den „chinesische Hand“ meinenden Zeichen 唐手 und der Lesehilfe „Karate“ geschrieben. Um das lockere Gesamtbild des Artikels zu erhalten, füge ich in meiner Übersetzung alle Sterne, Punkte und fett gedruckten Worte des Originals mit ein. Die im Ausgangtext separat eingestreuten Skizzen der Körperwaffen verbinde ich für meine Übersetzung zu einem einzigen Schaubild:
Für meine jugendlichen Herrschaften:
Karate-Jutsu
Gut, um Herz und Körper zu schmieden
☆ ••• Wir bereiten uns auf einen langen Krieg vor. Zu diesem Zweck feilen das Kultusministerium und das Ministerium für Gesundheit und Soziales von verschiedenen Richtungen aus an Maßnahmen: „Lasst uns den [gesundheitlichen] Allgemeinzustand des gesamten Volkskörpers zu einer starken und festen Angelegenheit machen!“
Besonders lassen wir unsere Kraft in die Gesundheitsförderung von Ihnen allen, meine jugendlichen Herrschaften, fließen. In unserem Land [Japan] gibt es in der Forschung seit alters [den Schwerpunkt]: „Lasst uns den weitergegebenen Geist des Bushidō, die überlieferten Kampfkünste [Bu-Jutsu 武術] üben!“ Aber es kam [dazu], dass wir in diesem Fall auch das nur in der Gegend von Ryūkyū weitergegebene „Karate-Jutsu“ empfehlen.
☆ ••• Was das „Karate-Jutsu“ genannte betrifft, [so] eroberte der Shimazu-Klan in der Keichō-Zeit [1596–1615] Ryūkyū und nahm ihm alle Waffen weg.
Menschen der Inseln, [so] heißt es, dachten sich daher die Hand zur Waffe machende Kampfkunst aus. Auch wenn die Sache so war, [sagt man] auch, dass es einer Theorie nach aus China überliefert wurde. Es ist eine Angelegenheit, bei der man, die Hand zu einer Waffe machend, Formen wie Stein, Papier, Schere des [Spiels] Jan-Ken nimmt, [damit] den Augenbrauenzwischenraum, die Augen, die Nase, das Kinn usw. des Feinds angreift und ihn mit einer [einzigen] Handlung niederschlägt. In der Faustmethode [Kenpō 拳法] gibt es [mit] Pinan, Passai, Seishan, Jion usw. insgesamt ungefähr elf Arten.
☆ ••• Bild 1 ist die Hirashi-Ken genannte Angelegenheit, 2 ist die Ippon-Ken, 3 ist die Yonhon-Nukite heißende einzelne Handform.
In dieser Kunst ist beträchtliche Übung notwendig, um den Feind zu fällen. Wenn man jedoch ein prächtiger Lernender des Karate-Jutsu wird, kann man sich, selbst wenn der Gegner einen Säbel hat, ihm widersetzen gehen und den Feind auch fällen.
Alle drei im Artikel eingestreuten Skizzen scheinen auf den entsprechenden Lehrbildern aus Funakoshi Gichins 船越義珍 (1868–1957) „Karate-Jutsu“ von 1925 zu beruhen. Ebenso dürften die Fachbegriffe Ippon-Ken 一本拳 (Ein-Finger-Faust) und Yonhon-Nukite 四本貫手 (durchstechende Hand mit vier Fingern) seinem Lehrbuch entnommen worden zu sein. Hinsichtlich des dritten Fachbegriffs, Hirashi-Ken 平四拳 (flache Viererfaust), ist auffällig, dass er eindeutig nicht aus dem Umfeld Funakoshis stammt. Dennoch deutet auch die genutzte Bezeichnung „Karate-Jutsu“ darauf hin, dass sich der nicht genannte Verfasser in jenem Werk von Funakoshi informiert haben könnte.
Die in der Zeitung formulierte deutliche Aufforderung zur Kriegsertüchtigung durch Karate-Übung könnte vor dem Hintergrund der kriegerischen Landnahme Japans in China als Widerspruch zu Funakoshis Aufforderung, Karate als Hilfsmittel zur Verteidigung zu nutzen, erachtet werden. Nur ein Jahr zuvor betont Funakoshi etwa in seinem Artikel „Karate-Dō und der Geist Japans“, dass Adepten seines Karate nicht von sich aus zum Kampf herausforderen.
In Funakoshis Umfeld fanden ab den 1930er Jahren die Begriffe „Karate“ (leere Hand) und „Karate-Dō“ (Weg der leeren Hand) als Namen für diese Kampfkunst Verwendung, was nicht zuletzt im Anfang 1939 vom Shōtōkan herausgegebenen Werk „Das wahre Mark des Karate-Dō“ bekräftigt wurde. Erwähnenswert ist überdies, dass in diesem Buch nicht zu einer Aufnahme der Karate-Übung zum Zwecke der Wehrertüchtigung aufgefordert wird.
Aufgrund dessen wurde der kurze, an Jugendliche gerichtete Zeitungsartikel vermutlich nicht von Funakoshi Gichin verfasst. Unabhängig davon liefert er wichtige Erkenntnisse darüber, wie Karate von einem politisch motivierten Akteur im Japan jener Zeit aufgegriffen und eingesetzt wurde: Es sollte der körperlichen Kräftigung und Wehrhaftigkeit von Jugendlichen in einer langgezogenen Kriegslage dienen.
Anmerkungen
Für meine vollständige und kommentierte Übersetzung des 1939 vom Shōtōkan herausgegebenen Buchs „Das wahre Mark des Karate-Dō“ siehe „Das wahre Mark des Karate-Dō – Shōtōkan 1939“.
Ausführliche Informationen über technische, geschichtliche und kulturelle Aspekte der Faust im Karate sowie über die Bezeichnung „Karate“ liefere ich in „Karate. Kampfkunst. Hoplologie“.
Bibliografie
G. Funakoshi: Rentan Goshin. Karate-Jutsu (Schmieden des Muts & Selbstschutz: Karate-Jutsu), Tōkyō 1925
G. Funakoshi: Karate-Dō to Nihon Seishin (Karate-Dō und der Geist Japans) (Artikel, deutsch in: „Shōtōkan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen. Band III“), Tōkyō 1937
Tōkyō Asahi Shinbun (Hrsg.): Shōnen Shokun ni Karate-Jutsu. Shinshin o kitaeru noni yoi (Für meine jugendlichen Herrschaften: Karate-Jutsu. Gut, um Herz und Körper zu schmieden), Tōkyō 1938
Henning Wittwer

