Uechi Kanbun & das chinesische Boxen um 1900

Unbestritten stellte das chinesische Boxen (Ch’üan-Fa) einen bedeutenden Einflußfaktor in der Entwicklung des Karate dar. Uechi Kanbun (1877-1948) war ein Okinawaner, der 1897 nach China ging und dort das chinesische Boxen kennenlernte. Ein Student namens Mabuni interviewte Uechi und veröffentlichte dieses Gespräch in der 1934 erschienenen ersten Ausgabe des Journals „Forschungen zur Leeren Hand”. Darin legt Uechi als Augenzeuge ein paar Eindrücke bezüglich des chinesischen Boxens um 1900 dar. Hier meine Übersetzung:

Ein Gespräch zum chinesischen Boxen

Student Mabuni

Eines Tages gab es etwas zu tun und ich besuchte einen gewissen Schüler aus der Stadt Wakayama, Higashikashi-Chō.

Das, [was] mir bei dieser Reise als erstes ins Auge fiel, war das folgende Schild:

Pangainūn-Ryū
Karate-Professor
Kyōshi Uechi Kanbun

Richtig, Herr Uechi ging mit zwanzig Jahren nach China herüber! In dem Land studierte er auch dreizehn Jahre [lang] eine rein chinesische Art des Boxens [Ch’üan-Fa] und kam daher als eine Größe zurück. Ich bewunderte, daß doch sogar das Schild chinesischen Stils war.

Daher schob ich sofort meine wichtige Angelegenheit auf. Ich dachte, daß ich aber als erstes Aussagen über mein geliebtes Boxen hören möchte. Und [so] besuchte ich das Dōjō von Herrn Uechi.

Da er glücklicherweise zu Hause war, dehnte sich unser Interview nach verschiedenen Gesprächen zufällig zur Sache des chinesischen Boxens aus. Nur zur Information schreibe ich unten einen Abriß nieder.

„Meister, blüht das Boxen in China nach wie vor immer noch?“

„Zu der Zeit, als ich da war, war es außergewöhnlich beliebt und daher wird es dort wohl noch immer beliebt sein.“

„Unterrichten die Chinesen gleich das Boxen, wenn man sie bittet, zu unterrichten?“

„Sie unterrichten! Wenn es aber nach etwa zwei, drei Tagen kein Gelübde von Meister und Schüler gibt, unterrichteten sie nicht.“

„Aus welchem Grund ist das so?“

„Leute, die meinen, daß sie das Boxen üben möchten, gehen zum Haus einer Größe des Boxens und bitten, daß sie ihnen Unterricht gibt. Wenn dieser Meister einwilligt, beraten sich die übenden Leute und gründen ein Dōjō. Dann führt sie dieser Meister.

Indem sie im Dōjō für die Gottheiten ein Fest feiern, tischen sie verschiedenes Essen auf. Dann vollziehen sie das Gelübde von Meister und Schüler.

Am Anfang betreibt er die Ausbildung des Geistes und dann lehrt er die Kata. Für diese Zeit schließen sie mit dem Meister einen Vertrag, wie für, sagen wir, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, fünf Jahre, und trainieren. Wenn man einen großartigen Meister hat, übt man an die fünfzehn Jahre lang, wenn man aber einen schwachen Meister hat, ein Jahr oder etwa sechs Monate!

Indem sie das Dōjō aufmachen, ist die erste Sorge, daß von Zeit zu Zeit Dōjō-Zerstörer [Dōjō-Yaburi] heißende Personen kommen! Dōjō-Zerstörer heißende Gewaltverbrecher kommen nämlich als zwei, drei Personen und fordern den Meister dieses Dōjō zum Kampf [Shiai] heraus. Falls der Meister den Kampf verliert, bekommen die Dōjō-Zerstörer dessen monatliches Honorar! Wenn er daher kein äußerstes Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten hat, macht er kein Dōjō auf, nicht wahr?“

„Ach, diese Personen sahen ganz wie Barbaren aus!“

„Das kommt gar nicht in Frage! Auf der anderen Seite ist ein schöne Sache, daß man trainiert und sich selbständig macht. Auch auf der Straße oder auf den vielen Plätzen, [wo] sich Menschen versammeln, trainieren sie bis heute allein und lassen sich, die Kata des Boxens trainierend, sehen. Und wenn dann unter den Passanten auch eine starke Koryphäe ist, [so] heißt es, erhält man von dieser Person zu den Fehlern im einzelnen Anleitungen. Es gibt auch Menschen, die die Methode aufgenommen haben!“

„Mit der Ausbildung von Japanern veränderten Sie Stellen, nicht wahr?“

„Jawohl.“

„Welches von beiden ist bei den Chinesen stärker, Faust oder Fingerspitzen?“

„Die Japaner sind mit der Faust stark, aber die Chinesen sind mit den Fingerspitzen stark.“

„Wie ist die Methode zur Stärkung dieser Fingerspitzen?“

„Am Anfang gibt man Sand in einen Kasten hinein. In diesen macht man mit den Fingerspitzen ein Stichtraining. Wenn diese stärker werden, wechselt man ihn mit großen Bohnen aus. Indem man in diese ein Stichtraining macht, sind die Fingerspitzen zum erstenmal stark. In China heißt die mit der Faust gemachte Form T’ai-Tsu [Größter Ahn; d.h. Boxen des Größten Ahnen]. Die mit den Fingerspitzen gemachte Form heißt Lohan [Arhan; d.h. Arhan-Boxen].“

„Wie ist die Bedeutung Ihrer Pangainūn heißenden Schulrichtung im Chinesischen?“

„Diese Form des Boxens hat die Bedeutung ‚außergewöhnlich schnell‘. Jetzt denke ich auch ein wenig [daran], wie es wäre, wenn ich mehr Uechi-Ryū schreiben würde als Strömung, die Pangainūn heißt.

Inzwischen habe ich Sie außerordentlich lange aufgehalten. Also, auf Wiedersehen!“

Zum Begriff „Pangainūn”

Interessant ist, daß Uechi bereits Anfang der 1930er Jahre darüber nachdenkt, seine Schulrichtung in „Uechi-Ryū” umzubenennen. Offiziell fand diese Umbenennung erst im Jahre 1940 statt.

Im Originaltext des obigen Interviews wird der Name „Pangainūn” nur lautsprachlich wiedergegeben. Uechi erklärt zwar den Sinn des Namens, es bleibt aber unklar, mit welchen Kanji er geschrieben wird. In modernen Texten finden sich folgende Schreibweisen:

  • 半硬軌 Pan-Ying Kuei (Gesetz des halb Harten)
  • 半硬軔 Pan Ying-Jên (Halb fest, halb biegsam)
  • 半硬軟 Pan Ying-Juan (Halb hart, halb weich)

„Halb hart” wird im Zusammenhang mit einer Art, die chinesische Kampfkunst zu kategorisieren, gebraucht. Neben der Kategorie „Halb harte Methode” wird in „Harte Methode” und „Sanfte Methode” unterschieden. Demnach würde es sich bei Uechis Art des chinesischen Boxens nicht um eine bestimmte Schule, bzw. ein bestimmtes System handeln.

Henning Wittwer